04.02.2006, 04:25
17.01.2006 17:29 Uhr
Interview
"Strafe allein schützt die Gesellschaft nicht"
Der Fall Martin P. hat Lücken in der Vernetzung von Therapie und Justiz aufgezeigt.
Von Anne Goebel
Eine Leerstelle, die das Münchner Kinderschutzzentrum zu schließen versucht, ist der Umgang mit potenziellen Straftätern: „
Beziehungshungrig und grenzenlos“ heißt die Gruppe unter der Leitung von Kirstin Dawin und Michael Schwarz, in der
sexuell auffällige Jugendliche therapeutisch betreut werden – damit sie, so das Ziel der Beratungseinrichtung, später keine Täter werden.
SZ: Strafe allein genügt nicht bei sexuellen Übergriffen, lautet Ihr Ansatz – warum genügt sie nicht?
Kirstin Dawin: Zunächst: Es geht uns nicht darum, verabscheuenswürdige Taten zu entschuldigen. Sie sind zu verurteilen.
Aber wir sagen: Bei Jugendlichen, die zu uns kommen, also solche, die Kinder belästigen, Geschwister missbrauchen, muss es um die Veränderung der Persönlichkeit gehen. Strafvollzug befriedigt das Sühnebedürfnis der Gesellschaft, aber Strafe allein schützt die Gesellschaft nicht. Um zu verhindern, dass aus einem auffälligen Heranwachsenden schlimmstenfalls ein Mörder wird, müssen besondere Hilfen angeboten werden. Wir versuchen, das zu leisten.
SZ: Wer sucht Ihre Hilfe?
Dawin: Die Jugendlichen, bei uns ausschließlich Jungs, kommen auf eine gerichtliche Auflage hin, oder die Eltern machen Druck. Unsere Gruppe besteht aus sechs Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren, die durch sexuelle Übergriffe auf Kinder auffällig wurden. Sie kommen einmal pro Woche und müssen sich verpflichten, anderthalb Jahre dabei zu bleiben. Danach sind wir ein Jahr in Kontakt, um den Faden nicht abreißen zu lassen. Insgesamt ist es uns wichtig, klare Verbindlichkeiten zu
schaffen: Die Jugendlichen müssen regelmässig teilnehmen und bereit sein, sich mit sich selber auseinanderzusetzen.
SZ: Wie häufig passiert se*uell*r Mis*bra*ch durch Jugendliche?
Dawin: Jeder fünfte Missbrauch an Kindern wird von Jugendlichen verübt. Wir kümmern uns also um eine wichtige, aber tabuisierte Zielgruppe. Es gibt gerade in diesem Alter die Tendenz zur Bagatellisierung, auch bei den Eltern. Wenn ein 15-Jähriger den kleinen Neffen am Geschlechtsteil anfasst oder sich auf dem Spielplatz Kindern nähert, heißt es, das wächst sich aus. Oft passiert erstmal gar nichts, dabei müsste man frühzeitig Hilfe anbieten. Die Jugendlichen selbst blenden ganze Teile ihres Selbst aus. Ihre Wahrnehmung beginnt erst damit, dass sie die Hand in der Hose eines Kindes hatten. ,Irgendwie
ist es passiert’, heißt es, oder: ,Hab’ halt Scheiß gebaut.’ Wir wollen sie dazu bringen, Verantwortung zu übernehmen. Sie sollen verstehen, dass sie es selber getan, dass sie Grenzen verletzt haben. Oft wurde das Ganze nämlich sorgfältig geplant, wurden die Kinder beobachtet und ausgesucht. Bei vielen der Jugendlichen sind die Strukturen der Verleugnung verkrustet. Ihnen fehlt der Zugang zu sich selbst.
SZ: Der erste Schritt ist es, in der Gruppe über die Tat zu sprechen?
Dawin: Ja, und das ist schwer genug für einen 14-Jährigen, der vor allem cool sein will. Wenn er verstanden hat, dass er für die Tat verantwortlich ist, geht es um die Frage: Wie kann ich mich stoppen, mich vor mir selber schützen, damit es nicht mehr passiert? Wir versuchen, herauszufinden, in welchen Situationen er daran denkt, beispielweise wieder zum Spielplatz zu gehen. Nämlich oft dann, wenn er Stress mit den Eltern hat, in der Schule, mit der Clique. Er ist frustriert, und der sexuelle
Übergriff ist eine Kompensationshandlung. Wie gesagt, es geht nicht darum, ihn zu entschuldigen. Aber wir müssen uns fragen, was vorher war.
SZ: Was war vorher?
Dawin: In fast allen Fällen die Sehnsucht nach Nähe, nach Kontakt. Viele der Jugendlichen leben in einer Art innerer Verwahrlosung. In der Schule durchgesegelt, oft gibt es zu Hause Gewalt, die Eltern haben eigene Sorgen und interessieren sich zu wenig für die Gefühlswelt ihrer Kindern – solche Heranwachsenden richten sich in mini-autistischen Welten ein und
fühlen sich draußen als Loser. Andererseits die Sehnsucht nach Anerkennung – diesen Widerspruch empfinden sie als innere Leere. Und mit dem Übergriff an einem Kind schaffen sie eine Situation, über die sie – aus ihrer Sicht: endlich einmal – Macht haben. Das heißt, diese Jugendlichen sind gefährdet. Damit aus der Gefährdung keine Gefährlichkeit wird, muss die Gesellschaft ihnen Hilfen anbieten.
(c) SZ