Wie kommen Menschen dazu, sich selbst verletzen zu wollen?
Wenn jemand einem anderen Menschen eine brennende Zigarette auf der Haut ausdrückt, so ist das eine Art von Folter. Was kann einen Menschen dazu treiben, sich selbst zu „foltern“?
Menschen, die sich selbst verletzen, haben eine höchst problematische Beziehung zu ihrem eigenen Körper: Er steht für alles Schlechte, er soll spannungsfrei funktionieren, ohne Pflege und Fürsorge zu brauchen. Der Körper oder ein Teil wird zum “Feind“, der angegriffen wird.
* Die betroffenen Menschen selbst sehen paradoxerweise selbstverletzendes Verhalten meist als einzige Möglichkeit der Selbstfürsorge. Die PatientInnen erleben einen steigenden inneren Druck: „Es ist zum aus der Haut fahren“. Das Erleben beim Schnitt erscheint dann so, „wie wenn man aus einem prall gefüllten Ballon die Luft herauslassen würde“ und entlastet kurzfristig deutlich.
* Die PatientInnen haben oft Zustände von mangelndem Körpererleben, sie spüren sich nicht mehr, sind „außer sich“. Selbstverletzendes Verhalten vermittelt in einem solchen Fall oft wieder ein Gefühl von Lebendigkeit - und sei es durch Schmerzempfinden. Der Schnitt selbst ist jedoch meist schmerzfrei.
* In Situationen der Einsamkeit und des Alleinseins droht diesen Menschen ständig eine Überflutung mit Empfindungen von Leere, völliger Hoffnungslosigkeit und Stillstand. Dieses Empfinden kann in apokalyptischen Phantasien (Weltuntergangsphantasien) Gestalt annehmen oder die Gefühlsqualität des „Grauens“ erreichen. In solchen Zuständen wirkt selbstverletzendes Verhalten als „Medikament gegen die Depression“ - besser als alle antidepressiven stofflichen Medikamente. Auch alptraumartige Abläufe, die an Horrortrips erinnern und nicht willentlich zu unterbrechen sind, können durch selbstverletzendes Verhalten schneller beendet werden als durch hoch dosierte Medikamente.
* In anderen Fällen erscheint der körperliche Schmerz, der durch selbstverletzendes Verhalten ausgelöst wird, leichter erträglich zu sein als der vorher gefühlte seelische Schmerz.
* Manchmal verbinden die PatientInnen mit den Selbstbeschädigungen auch Reinigungsphantasien: „Der Dreck muss aus meinem Körper heraus.“
* Gelegentlich ist selbstverletzendes Verhalten für die Betroffenen der letzte mögliche Akt der Selbstbestimmung in einer sonst völlig fremdbestimmten Situation. Die PatientIn beweist sich und anderen zum Beispiel Stärke oder Schmerzunempfindlichkeit.
- Schneiden mit Rasierklingen (ist am häufigsten)
- Schneiden mit Scherben oder Messern
- Verbrennen der Haut mit Zigaretten oder einer offenen Flamme
- Manipulationen an Wunden oder großflächige Kratzspuren
Selten:
- absichtliche Schlucken von unverdaulichen Substanzen wie Putzmitteln oder Schmuck
- durch heftiges Schlagen des Kopfes an eine Wand
- Beißen, Haare -Ausreißen, Verätzen oder Verbrühen
Lokalisiert sind die meisten Selbstverletzungen an den Unterarmen, häufiger auch an den Beinen. Rumpf und Kopf sind seltener betroffen.
Glücklicherweise sind die meisten Selbstverletzungen nur oberflächlicher Natur und hinterlassen keine entstellenden Narben. Ausnahmen bilden schwere Verletzungen, die meist von Menschen in psychotischen Zuständen ausgeführt werden. Es gibt aber auch tiefe Schnitte mit Gefäß- und Nervenverletzungen, die bleibende Schäden oder entstellende Narben hinterlassen.
Quelle & Weitere Infos: http://www.1-hwk1.de/selbstverletzendes-verhalten/